Freitag, 5. März 2010

Sorgen einer Mutter

An meinem letzten Arbeitstag meinte ein Kollege (sinngemäß) zu mir, dass es verständlich ist, dass ich gehe, schließlich habe ich ein sehr kleines Kind und da kann es schon schwierig werden, wenn man arbeitet. Ich fühlte mich schon ein wenig angegriffen ob dieser Bemerkung. Dachte da also wirklich jemand, ich gehe, weil ich mehr Zeit für mein Kind haben wöllte. So ehrenwert dieser Grund gewesen wäre, so falsch ist es er auch. Ich will arbeiten (Für die Interessierten: Es gab schon ein paar nette Gespräche, deren Ausgang noch offen ist. Benjamin will ebenso arbeiten und tut dies mittlerweile auch - in Vollzeit.

Wir gehören dann also zu den sogenannten "Dual Carrier Couples", wie im akuellen Artikel der Berliner Zeitung bezeichnet: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0305/berlin/0003/index.html. Oskar geht Vollzeit in die Kita und alles ist blendend. Wenn dann nicht die Abers kommen. Ich suche keinen Job, der von 8 bis 16 Uhr geht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich regelmäßig vor 17 Uhr rauskomme, ist auch außerordentlich gering, eher werde ich den ein oder anderen Tag nicht vor 20 Uhr zu Hause sein. Nun macht aber die Kita - verständlicherweise - um 18 Uhr zu. Oskar muss ja auch mal ins Bett. Benjamin hat als Lehrer einigermaßen planbare Arbeitszeiten, ich kann ihm aber auch nicht zumuten, jeden Abend auf Abruf zu Hause zu bleiben - der wesentliche Grund, warum ich mich bei meinem alten Arbeitgeber zu Teilzeit (85 %) entschloss. Schließlich hat mein ehrenwerter Ehemann nicht nur schulische und väterliche sondern auch gesellschaftlich Verpflichtungen zu erfüllen. Davon, dass ich nach der Arbeit auch mal etwas unternehmen möchte, rede ich noch gar nicht.

Wir machen uns das Leben nicht einfach. Der Wunsch, sein Leben wenigstens noch so ein bisschen wie vor der Geburt des Kleinen weiterzuleben, ist immer noch da - bei Beiden. Kann man gut finden oder nicht - is halt so. Mutter sein ist nicht die einzige Erfüllung meines Lebens. Ich bin sehr dankbar, einen Mann gefunden zu haben, der Gleichberechtigung in der Kindererziehung auch wirklich lebt. Dennoch: Arbeiten wir beide Vollzeit, wollen wir beide unseren weiteren Interessen fröhnen, dann werden wir uns wohl oder übel - wie feudal - eine Nanny besorgen müssen, die ab und an Oskar aus der Kita abholt. Ob ich mich jetzt schlecht fühle? Nein! Ich fühle mich nur ein wenig schlecht aufgrund der Tatsache, dass wir diesbezüglich überhaupt keine Skrupel haben. Sind wir schlechte Eltern. Ich konnte immer sagen: Nein. Schaut euch den Kleinen an, so ein fröhliches und liebes Kind. Das kann nicht unglücklich sein.

Nun kommt das große Aber. Und das kann unsere Pläne für ein ausgewogenes, gleichberechtiges Leben, in dem wir nicht für sondern mit unserem Kind leben, völlig über Bord schmeißen. Die gute Nachricht ist: Unser Kind ist nicht schwer krank. Die schlechte Nachricht ist, es hat dauernd irgendwas. Oskar verfügt über eine eigene Medikamentenschublade, die unserer eigenen in nichts nachsteht. Oskar hat Lungenprobleme, eigentlich seit September/Oktober. Wir waren schon mehrmals wegen akuten Beschwerden nachts im Krankenhaus mit ihm. Obstruktive Bronchitis. Ein krasses Pfeifen in der Lunge. Sowas haben Kinder, kann passieren, ich mache mir keine Sorgen. Behandlung: Zweimal am Tag mit einem Cortison-ähnlichen Medikament und viermal am Tag mit einem lungenerweitenden Mittel inhalieren. Der Inhalator ist laut, er ist nervig. Was ist passiert? Nicht viel. Auch wenn er top drauf ist, kommt da dieses blecherne Atmen. Kann zum Asthma werden, muss es aber nicht. Es wird immer schlimmer, wenn er etwas "angeschlagen" ist. Mittelohrentzündung, Bauchschmerzen, Fieber, Husten, Schnupfen, Bindehautentzündung. Wir nehmen alles mit. Was soll er machen, wenn er krank ist: Viel Trinken. Er trinkt aber nicht. Nur die Milch, die er morgens noch bekommt. Gottseidank. Außer er kotzt mich morgens nach dem Trinken voll. Dann bin ich dreckig, er muss umgezogen werden, und die Flüssigkeit ist wieder draußen, na klasse!

Aufgrund seiner Atemprobleme hat er in der Grobmotorik Entwicklungsdefizite, viele Sachen sind ihm einfach zu anstrengend. Wir können üben wie verrückt. Wir werden also zu Kinderphysiotherapie gehen. Ich habe von einem Beispiel gehört, wo eine Mutter fünf Monate mit ihrer Tochter - einmal die Woche - zur Therapie ist. FÜNF Monate! Das ist vielleicht stemmbar, wenn man zu Hause ist, aber wenn beide Vollzeit arbeiten? Mal sehen.

Ach ja, ich war letzte Woche beim Kinderarzt, diese Woche auch, soll nächsten Montag nochmal hin - zur Kontrolle. Wir kriegen sicherlich eine Überweisung zum Lungenfacharzt. Keine Ahnung, was dann kommt. Ich fühle mich schlecht. Nicht, weil ich in Sorge bin (das ist ja ganz normal), sondern weil ich mehr angekotzt als in Sorge bin.

Das spricht auf jeden Fall für Mütter, die erst einmal drei Jahre zu Hause bleiben. Die haben den Stress zwar auch (drei Jahre mit Kind zu Hause bleiben ist purer Stress, da bin ich sicher), aber nicht den Druck, dass das Kind gesund sein sollte, um entsprechend selbst seiner ganz normalen beruflichen Betätigung nachgehen zu können.

Allen Ansprüchen, die man so an sich selbst hat, aber die auch andere stellen, gerecht werden zu können, ist nicht möglich. Dass ich zu allerletzt beim Kind knappse, ist selbstverständlich. Ich darf mich eigentlich nicht beschweren: So führe ich - auch dank Benjamin und seiner Unterstützung - ein aufregendes, abwechslungsreiches Leben mit vielen "nicht-mütterlichen" Komponenten. Dennoch: Die Traumwelt, die man sich vorher so malt, - perfekte Organisation alles Lebensbereiche - brökelt immer mehr.

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