... den hat auf jeden Fall meine Mutter ab und an. Unter anderem, als sie an einem Samstag partout nicht ins Auto einsteigen und uns Kinder allein zu Hause lassen wollte. Später an diesem Tag wurde mein Vater von einem anderen Auto im Dunkeln von der Straße abgelenkt. Das Auto lag im Graben und hatte nur um ein paar Zentimeter einen riesigen Baum verfehlt. Dieser sechste Sinn hat sich nicht auf mich vererbt, zumindest dachte ich dies bis vor Kurzem.
Vor zwei Wochen kaufte ich mir ein Fahrrad. Ich hatte das Bedürfnis, mich etwas mehr zu bewegen als von zu Hause zur KITA, von der KITA auf Arbeit, von Arbeit zumeist recht spät nach Hause, und am nächsten Tag von vorne. Es war kein schönes, kein großartiges Fahrrad. Sondern das billigste, was real-Sport so hergab. Ich hatte jahrelang ein Fahrrad besessen. Seitdem ich zwölf war. Das Rad gabs damals bei Kaiser´s und hat mich zwölf Jahre durch mein Leben begleitet. Der Abschied fiel schwer, als ich es beim Auszug aus meiner letzten Single-Wohnung einfach angekettet im Hof stehen ließ (ich weiß, das gehört sich nicht). Aber verkehrstauglich war es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.
Nun musste ich vier Jahre ins Land ziehen lassen, um mich zu entscheiden, dass Ersatz her muss. Ersatz zum Zwecke einer größeren Mobilität, sowohl im Sinne von Flexibilität als auch im Sinne von Bewegung.
Nachdem ich am Ostkreuz schon ein paar Jugendliche mit Bolzenschneider (und fünf Minuten später mit zwei Fahrrädern) gesehen hatte, war das Misstrauen in meine Mitmenschen groß. Ich wollte einfach nicht viel Geld ausgeben und entschied mich für das billigste, was es gab, und erhielt an der Kasse überraschender Weise sogar noch Rabatt.
Es sah nicht teuer aus, es sah nicht gut aus. Aber die Zweifel blieben. Jedes Mal, wenn ich mich dem Fahrradständer näherte (das Fahrrad wurde sowohl in Nähe der KITA als auch auf dem Hof auf Arbeit abgestellt), kamen Bedenken auf, ob denn meine neue Errungenschaft noch stand. Sie waren berechtigt, weil bereits in der ersten Nacht jemand versucht hatte, mein Schloss zu knacken, man konnte aber nur das Plastikgehäuse entfernen. Vierzehn Nächte später war es dann soweit: Es war weg. Mein Schloss hing noch, säuberlich mit einem Bolzenschneider durchtrennt, am Ständer. Und ich... Ich war nicht verwundert, wütend oder verzweifelt. Ich hatte es geahnt. Das Geld hatte ich bereits mit dem Kauf abgeschrieben (sog. sunk costs).
Mein (neu entdeckter) sechster Sinn hat mich nicht getäuscht.
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